Sonntag, 14. Februar 2010

Hotpants

An einem Sommerabend im letzten Jahr saßen wir auf dem Balkon: ich, mein Freund und der beste Freund meines Freundes. Der beste Freund meines Freundes kam gerade für ein paar Tage zu Besuch. Der Abend war angenehm warm. Wir öffneten den Wein. Schon drei Stunden lang hatten wir Faxen gemacht und nun wandten wir uns langsam ernsthafteren Themen zu. Das Gespräch verlor gerade an Dynamik, es plätscherte so vor sich hin, und irgendwann war auch die Weinflasche leer. So kamen wir unvermeidlich auf aktuelle und potenzielle Geliebten des besten Freundes meines Freundes zu sprechen, ein Thema, das in unseren Gesprächen immer wieder auftauchte. Und wie immer suchten wir - ich und mein Freund - in unserer Umgebung nach Frauen oder besser gesagt nach der FRAU, die eventuell in Frage käme und der Nerven zerreissenden Suche des besten Freundes meines Freundes nach der Einen endlich ein Ende bereiten würde. Solche Gespräche hatten sich im Laufe der Jahre verselbständigt und waren für uns wie ein Spiel, das wir immer wieder spielten, mit mehr oder weniger Elan, je nach Tagesform. Es war ein Ritual, das nichts mehr zu bedeuten hatte, denn der beste Freund meines Freundes, ein großer und schöner Mann, genoss unter Frauen beachtlichen Erfolg und konnte sich um seine eigene Herzensangelegenheiten sehr gut kümmern. Plötzlich sagte mein Freund: „Und wie wäre es mit unserer Nachbarin, der, die über uns wohnt?“ „Sie wohnt doch mit einem Mann zusammen…“ – winkte ich ab und wollte gleich eine meiner bezaubernden polnischen Freundinnen vorschlagen, aber da meldete sich schon der beste Freund meines Freundes mit der Frage: „Die mit den Hotpants?“. Ich zog die Augenbrauen hoch. „Mit den Hotpants?“- fragte ich mit sich überschlagenden Stimme. „Jjjja“ – bestätigte mein Freund leise und warf seinem besten Freund einen alarmierenden Blick zu. Der beste Freund meines Freundes erklärte, leicht zögernd: „Ach, na ja, er hat mir erzählt, dass diese Frau, die über euch wohnt und die wir gestern im Treppenhaus getroffen haben, immer Hotpants trägt, wenn sie auf dem Balkon ist. Das stimmt, ich hab´s dann auch selbst gesehen“. „Na ja, sie scheint ziemlich einsam zu sein. Vielleicht braucht sie Gesellschaft, hö hö“ - ergänzte mein Freund. Beide nicht sehr glücklich darüber, dass der Inhalt ihrer Männergespräche gerade auf diese ungeschickte Art entblößt wurde. Die Hotpants also. Ja, mir war es nicht entgangen, dass die sympathische Nachbarin ab und zu eine Art Shorts aus Frottee trug, während sie sich auf dem Balkon aufhielt. Nur sahen diese Shorts eigentlich ziemlich schäbig aus… Wie Hausshorts eben, etwa wie eine kurze Version der ausgeleierten Jogginghose. Eigentlich mochte ich die Nachbarin dafür, dass sie zu Hause Sachen anzieht, die einfach nur bequem sind. Aber… Hotpants? Die arme Frau wollte einfach eine Weile auf ihrem Balkon verbringen, es war warm... Sie ahnte nicht, dass ihre textilen Entscheidungen im häuslichen Bereich dem frechen Blick zweier Voyeure  derart zum Opfer fallen können. Mir wurde es unangenehm, als hätte ich aus Versehen die Tür zu einer verbotenen Kammer geöffnet… Die Bemerkung mit den Hotpants berührte mich auf eine Art, dass ich anfing, in meinem Gedächtnis zu stöbern, in der Hoffnung, dass ich da vielleicht auf eine Erklärung für mein übermäßiges, wie ich fand, Unbehagen, stoße. Ich wollte diesem unangenehmen Gefühl auf den Grund gehen. Lange musste ich nicht stöbern, da fand sich schon die entsprechende Erinnerung. Ich war damals 13 oder 14 und hatte als eine gute Schülerin die Aufgabe bekommen, einem Klassenkollegen beim Polnisch, Geschichte und womöglich auch bei allen anderen Fächern zu helfen. Dass unser Klassenlehrer so ein stolzes und komplexbeladenes Mädchen, das ich damals war, darum bat, einem scheuen Jungen, der sich gerade auf dem Gipfel seiner Pubertät befand, Privatunterricht zu geben, zeugt eigentlich nur davon, wie wenig Menschenkenntnisse und Fingerspitzengefühl er besaß. Wir hatten vereinbart, dass Piotrek - so hieß der Junge - mich zweimal die Woche zum gemeinsamen Lernen besuchen würde. Es war Anfang Mai und Piotrek wurde die letzte Chance gegeben, seine Noten während der letzten Schulmonaten zu verbessern, oder zumindest seinen guten Willen zu zeigen, so, dass er das Jahr vielleicht doch nicht wiederholen musste. Der Monat Mai war sehr warm und Juni noch wärmer. Das Wetter lud mehr zum Draußensein als zum Lernen ein, aber Piotrek kam brav zwei mal die Woche zu mir. Und wir lernten. Ich tat mein Bestes, um dem scheuen Jungen durch die Tücken der polnischen Grammatik zu helfen und hatte sogar einige Erfolge, was wahrscheinlich dazu beitrug, dass ich später Polnischlehrerin wurde. Es ging schon auf das Jahresende zu und in der Schule herrschte eine nervöse, leicht betäubende Stimmung, eine Mischung aus Frust und Fernweh. Unsere Lehrer waren mit Zeugnissen und irgendwelchen Abschlussberichten beschäftigt und wurden regelmäßig von verzweifelten Eltern belästigt… Eines Tages, es war gerade Polnisch und die Lehrerin war kurz weg, tippte mir Bartek, der hinter mir saß, auf den Arm. Als ich mich zu ihm drehte, sagte er leise: „Karla – so nannten mich meine Klassenkameraden über die ganze Schulzeit – Piotrek vergeht von Liebe zu dir“. Piotrek, der in der Bank neben Bartek saß, lief rot an und fing an unappetitlich zu schwitzen. Mir wurde es leicht übel. Das war eine dieser  Neuigkeiten, die man gar nicht hören will. Ich konnte Piotrek nur mein Verständnis, aber keine Liebe entgegenbringen. Ich wusste nämlich ganz genau, wie sich das anfühlt, in jemanden verliebt zu sein. Seit der ersten Klasse war ich bis über beide Ohren verliebt in Tomek, den schönen sportlichen Blonden aus unserer Klasse und hatte ihm, sobald ich einigermaßen schreiben konnte, einen Liebesbrief geschrieben, der mit Vokativ ("Tomku!") anfing und in dem ich ihm geradeheraus meine Liebe gestand, mit dem Vorschlag, ich würde gerne mit ihm gehen und er solle mich am Samstag zu Hause besuchen, damit wir wir ungestört alles Weitere besprechen. Den Brief hatte ich mit Zeichnungen von geheimnisvollen Pflanzen verziert, wozu ich bunte Wachsstifte benutzte. Mir kommt es jetzt vor, als hätte ich überhaupt nur deswegen so eifrig das Schreiben gelernt, weil ich seit meinem ersten Tag in der Schule Tomek diesen Liebesbrief schreiben wollte. Bald kannten natürlich alle Jungs in der Klasse den Inhalt meines Liebesbriefes und schauten mich an mit Spott, aber immerhin gemischt mit Respekt. Es war zwar etwas peinlich, aber nicht quälend. Quälend war der jahrelange Liebeskummer, weil der schöne Tomek zwar in der Pause gerne von mir Hausaufgaben abschrieb, Jahr für Jahr, aber geschert hat er sich um mich nicht im Mindesten. Meine Liebe zu ihm dauerte sehr lange und wurde irgendwann auch langweilig, und da nichts geschah, hatte ich mich während der gesamten Schulzeit auch immer wieder in andere verliebt, bei denen mehr passierte, aber tief in meinem Herzen war ich dem Schelm Tomek treu und wartete auf den Tag, an dem er mich endlich küssen würde. Das geschah tatsächlich, da gingen wir schon in eine Oberschule und waren 16 oder 17. Wir küssten Französisch, ich leider nur halbherzig (zu langes Warten hatte meinem Gefühl die ganze Frische und Kraft genommen) und mehr aus Interesse. Ich wollte unbedingt wissen, ob man beim Französischküssen dieses warme Gefühl im Unterbauch bekommen würde, von dem mal eine Kollegin auf dem Weg nach Hause mit Begeisterung berichtete. Aber zurück zu Piotrek: ich verstand seinen Kummer vollkommen und hatte sogar Mitleid mit ihm, aber gleichzeitig nervte es ziemlich, dass seine Liebeserklärung aus dem Mund seines Kumpels kam. Wenn ich schon als Mädchen meinen ganzen Mut zusammen nahm, um blondem Tomek meine Liebe zu gestehen (und das im Alter von 8 Jahren), verlangte ich mindestens das Gleiche von meinen Verehrern. Aber bis zu meinem 18 Lebensjahr waren meine Verehrer immer hässlich, jämmerlich und redeten nie Klartext, sondern schickten entweder ihre Freunde als Boten, machten peinliche Geschenke oder riefen mich zu Hause an, nur um aufzulegen, sobald sie meine Stimme hörten. Peinlich berührt drehte ich mich um und würdigte Piotrek bis zum Ende des Unterrichts keines Blickes. Nach der Schule wartete er natürlich auf mich. Er fragte, ob er diese Woche zu unserem Unterricht kommen sollte und wann. Ich antwortete, ohne ihn anzukucken, ich hätte diese Woche überhaupt keine Zeit und außerdem wäre die Schule in ein paar Tagen sowieso zu Ende, also mache das Ganze wohl keinen Sinn mehr. Dann ging ich schnellen Schrittes nach Hause, ohne mich ein einziges Mal umzudrehen.

Nächste Woche sprach mich Bartek, sein Kumpel, noch mal an: „Du, warum hast du kein Mitleid mit Piotrek? Er vergeht von Liebe zu dir". Diese Metapher schien meinem Liebesboten sehr gut zu gefallen. Bartek räusperte sich und fuhr fort: "Piotrek hat mir erzählt, wie es ihn umgehauen hat, wie du ihm beim ersten Mal die Tür aufgemacht hast, nur mit Hotpants und Top. Er ist zu schüchtern, um es dir selbst zu sagen, wie sehr er in dich verliebt ist, aber jedes Mal, wenn er dich sieht, schwitzt er und so… Du spielst mit ihm oder?...“ Ich war schockiert und entsetzt. Mir wurde klar, dass ich tatsächlich jedes Mal, als wir mit Piotrek lernten, meine Shorts anhatte, in letzter Zeit trug ich sie einfach immer. Die Shorts waren zwar eng anliegend, hatten aber ein hässliches Muster und waren - von meiner Perspektive aus - alles andere als sexy. Ich habe sie im Schrank meiner Mutter gefunden, unter Sachen, die sie mit 20 trug. Es war warm, verdammt noch mal, und die Shorts waren bequem und praktisch bei dem Wetter! Außerdem war es eine unglaubliche Erleichterung, den Schuluniform - wir schrieben damals das Jahr 1990 und alle Schüler trugen noch dunkelblaue Schuluniformen aus Nylon, obwohl der Kommunismus seit einem Jahr offiziell besiegt war - nach der Schule auszuziehen und schnell in die Shorts zu schlüpfen. Wie kurzsichtig, wie unvorsichtig, wie naiv war ich! 

Mir war natürlich nicht entgangen, wie Piotrek auf mich reagierte, schrieb das aber seinem schüchternen Wesen zu. Deswegen versuchte ich auch, ihn während unseres Hausunterrichts immer wieder zum Lachen zu bringen. Und er revanchierte sich, indem er mich zum Objekt seiner schmutzigen pubertären Fantasien machte! Ich wusste sehr gut, aus den Biologiebüchern und von unserem Kathecheten, dass die Pubertät bei Jungs etwas stürmischer verläuft als bei Mädchen. Feuchte Träume, Pickel, Akne, fettige Haare und gewisse Zeitschriften, die sich unsere Klassenkollegen  nach der Schule angekuckt hatten, in einem Kreis, die Köpfe zusammen… Das waren Regionen, in die ich mich nicht begeben wollte, und schon gar nicht mit Piotrek. Da sagte Bartek: „Ich weiß nicht genau, was du bei eurem Unterricht anhattest, aber er meinte, es sieht wie Schlüpfer aus und auch oben bist du jedes mal halbnackt…“ Da begriff ich zum ersten Mal, dass ein Teil des Frauseins ist, den Blicken ausgeliefert zu sein. Blicken, die etwas tun, worauf man nicht immer Einfluss hat. Die Geschichte mit den Shorts und dem schüchternen Piotrek hatte mir die Augen geöffnet. Jetzt, nach all den Jahren, weiß ich, dass in diesem Juni die Pubertät für mich einsetzte. Es war alles andere als angenehm. Auf der anderen Seite bin ich mir ziemlich sicher, dass es Piotrek noch dreckiger ging als mir. Ich hoffe es geht ihm gut. Gott sei dank sind wir schon erwachsen.


1 Kommentare:

  1. Czesc Karolina,

    sehr schöne Geschichte über Hotpants und ihre Wirkung. Hat spaß gemacht sie zu lesen. Nur vielleicht ein klitze kleines bisschen Langatmig. So ein bisschen doll im Detail.
    Aber im Grunde klasse! ;-)
    Schade das dein letztes Posting schon über ein halbes Jahr zurück liegt. Schreib mal wieder ein bisschen ;)

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