Mittwoch, 2. Juni 2010

10. April

Am Samstagmorgen ist ein polnisches Flugzeug bei Smolensk, Westrussland abgestürzt. Am Bord waren außer dem polnischen Präsidenten 95 Menschen, die Creme de la Creme des Staates. Alle zusammen in einem Flugzeug waren sie nach Katyń unterwegs gewesen. Niemand hat die Katastrophe überlebt. Auch Anna Walentynowicz nicht, die Heldin aus Danzig, Schweißerin, Kranführerin und Solidarność-Oppositionelle, die laut Volker Schlöndorff mal als Antwort auf die Frage, warum sie in den kommunistischen Zeiten eine Arbeitsheldin war, gesagt haben soll:

Ich habe nicht für die Partei gearbeitet. Ich wußte nur, wenn ich bei der Schweißnaht nicht sorgfältig arbeite, dann geht das Schiff im Sturm womöglich unter, es gibt viele Tote und ich bin verantwortlich.

Mein erster Gedanke nach der Tragödie: War etwa eine Schweißnaht an der polnischen Tupolew undicht? War da nicht richtig gearbeitet worden? 

Ich sitze vor dem Fernsehen, schaue mir die Überreste der Tupolew an und muss plötzlich an diese deutsche Redewendung denken: "Bist du noch ganz dicht?" Eine idiotische Frage schleicht sich bei mir ein: War das Flugzeug samt seinen Passagieren ganz dicht?


Schlamperei, typisch polnisch, sagen diejenigen, die immer noch alles mit der polnischen Wirtschaft erklären wollen. Was für einen Leichtsinn, fügen sie hinzu, da im dichten Nebel zu landen, trotz mehrer Warnungen der Russen. Also die Polen, echt. In der U-Bahn lausche ich einem Gespräch zweier Jugendlicher. Sie wissen auch von der Katastrophe und kommentieren: Polnische Airlines, Alter! 


Ach wo, es ist doch "ułańska fantazja", sagen die anderen, die polonofilen Deutschen, das ist diese wunderbare polnische Weltfremdheit gepaart mit Verträumtheit, die Realität interessiere Polen ja nicht, und auch der Nebel mache ihnen nichts aus. Sie stehen nicht fest am Boden, sie schweben lieber, schweben in der Luft, bis sie wie Ikarus abstürzen. So in etwa.


 Noch andere, darunter die meisten Polen, vergießen Tränen, während im Fernsehen Särge gezeigt werden. In Smolensk wird von den Särgen Abschied genommen und in Warschau werden sie wieder begrüßt. Dance macabre. Alle reden davon. Wir – junge, gebildete Polen in Berlin, die wir uns längst von unserem Mutterland emanzipiert haben - reden nicht davon. 


Wir reden nicht davon, da es uns vor der drückenden Katyń-Symbolik graut, sie ist für uns peinlich, kitschig und schlicht unzumutbar, als hätte sich das Ganze ein schlechter national-konservativer Romaneschreiber mit einem starken Hang zum Melodramatischen  ausgedacht. Wir wollen an dem großen patriotischen Unglückspektakel, an dieser Trauerinszenierung, an der sich sogar die Supermarktkette Real beteiligt, nicht teilnehmen. Wir nicht. Was bleibt uns aber, wenn wir nicht mal davon sprechen?


Wir, gebildete, von unserem Land längst emanzipierte Polen in Berlin wissen nicht, was wir mit dieser Tragödie anfangen sollen. Sie kommt uns sehr ungelegen, sie passt uns nicht in den Kram, sie macht uns verlegen, sie ist auf eine besondere, polnische Art – geschmacklos,  romantisch überladen und wir haben das Gefühl, unsere ganze Nation begebe sich mit einer Art masochistischen Genuss in diese dunkle Welt, von der schon Adam Mickiewicz geschrieben hat. Polen-Christus der Nationen. Das durfte nicht passieren, schrieb ein deutscher Journalist einen Tag nach der Katastrophe, jetzt schaukelt sich das mit dem Opferdenken bei den Polen erst recht hoch.


Die anderen sind peinlich, diese polnischen Polen in Polen, die vom Katyn-Fluch reden, Tatsachen verklären, den Ex-Präsidenten verklären, der auf einmal keine Kartoffel mehr ist, die sich in dem ewigen polnischen Märtyrertum suhlen und ihre Wunden zur Schau stellen. Meine Schwester trägt jetzt nur schwarze Klamotten, sagte meine polnische Bekannte und verdrehte die Augen. Ich würde auch gerne schwarze Klamotten tragen, dachte ich, sagte aber nichts. 

Dafür  habe ich mir eine kleine weiß-rote Fahne gebastelt und mit einem schwarzen Stift einen Querstrich gemacht, zum Zeichen der Trauer. Meine kleine weiß-rote Fahne trage ich mit einer Nadel befestigt im Aufschlag meiner Jacke - und muss dabei plötzlich an Wałęsa denken, der seinen kleinen Button mit der Schwarzen Madonna aus Tschenstochau zur Schau zu tragen pflegt, immer noch, mit der Hartnäckigkeit, die so viele Polen prägt, mit der Hartnäckigkeit, die vielleicht - wer kann das aber mit Sicherheit sagen? Wer hat so viel Mut? - das Flugzeug beim vierten (vierten?!) Landungsversuch zum Absturz gebracht hat. Ich trage meine kleine Fahne mit großer Unsicherheit.


Wir, junge europäische Polen in Berlin, sehen es gerne wie ein Journalist der Süddeutschen Zeitung: "Es ist eine große Tragödie. Ein zweites Katyń ist es nicht".

Es ist uns nicht danach, um Polen zu trauern. Das Land stehe schließlich noch und es müsse weitergehen, es müsse funktionieren. Das Funktionierenmüssen… ist das Funktionierenmüssen überhaupt zu vereinbaren mit der polnischen Mentalität, fragen die deutschen Polonophilen. Fragt einen interkulturellen Trainer, sag ich ihnen, denn ich weiß es nicht.


Wir sprechen nicht davon. Alle sprechen davon, die ganze Welt spricht davon, aber wir sprechen nicht davon. Nicht wir. Wir reden über alles Mögliche, aber um das Thema, das in allen Zeitungen der Welt steht, machen wir einen großen Bogen. Sind wir ihm nicht gewachsen? Oder wurde schon alles gesagt?


Ein paar Tage nach der Katastrophe, zusammen mit meinen Freunden im Restaurant. Beim Mittagessen überkommt mich so eine Trauer, dass ich fürchte, gleich losweinen zu müssen. Ich unterdrücke meine unpassenden, melodramatischen, patriotischen Tränen. Ich würde gerne reden. Darüber, was passiert ist. Aber wir sprechen nicht davon. 

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen