Eine Frage des Geschmacks
gelesen am 4.08.2011 in „Simela“ am Savignyplatz, Berlin
Das was jetzt folgt, handelt von ganz alltäglichen, ja profanen Sachen. Es ist klamaukhaft, belanglos, dummes Zeug. Mancher wird, während ich lese, auf seinem Stuhl herumzappeln, Däumchen drehen, die Haut an den Fingernägeln zupfen, mit der Zunge nach einem neuen Loch im Zahn suchen, mancher wird sich schämen dafür, was ich gleich lese... Aber gut. Folgendes muss einfach erzählt werden, denn das ist die unverfälschte Wahrheit und hoffentlich wissen Sie schon - ich bin nicht so wie der folgende Text, mir passieren auch exquisite Themen und anspruchsvolle Texte, ich bewege mich mühelos, beinahe tänzelnd, zwischen Prosa und Lyrik und kann mich notfalls auch an Jacques Derrida erinnern. Also nachdem Sie folgenden Text gehört haben, können Sie einfach sagen: „Naja, so was, ein Ausrutscher, nicht so toll, das unterste Lesebühnenniveau halt, aber sie kann es bestimmt besser. Vielleicht nächstes Mal, man muss ja jedem Autor eine zweite Chance geben. Und einer Autorin sowieso." Also bitte, wenn es vorbei ist, klatschen, lächeln und einlenken: Nee, das kann nicht schon alles sein. Komm. Sie ist Autorin, OK? Ihr Name steht im Internet. Der Besitzer von diesem Laden hier hat sie eingeladen und der Typ versteht etwas von Literatur. Die Frau hat bestimmt was drauf, also kann sie ganz bestimmt gute Texte schreiben. Nur diesmal eben nicht. Kann jedem passieren. Und letztendlich ist alles eine Frage des Geschmacks.
In einem anderen Text von mir steht folgender Satz: „Man hat uns in unserem Land nichts mit auf den Weg gegeben“. Der Satz bezieht sich auf Polinnen im Exil. Ich weiß, keiner sagt mehr Exil, Exil sei politische Verbannung, aber das private ist doch politisch, sagt Alice Schwarzer, und ausserdem macht dieses Wort alles schön dramatisch. Ich bestehe darauf, Polin im Exil genannt zu werden. Und je länger ich in Deutschland, im Exil also, wohne, desto mehr will ich mein Herkunftsland gegen jede schlechte Meinung verteidigen, also auch diesen, von mir selbst formulierten, viel zu negativen Satz, wollte ich hinterfragen:
„Man hast uns in unserem Land nichts mit auf den Weg gegeben“.
Ich beschloss, meine Freundinnen zu befragen, wie sie von ihren Müttern, Tanten und Omas unterstützt und gestärkt wurden auf dem Weg zum erwachsenen Frauenleben. Mir schwebte eine Art Panorama von Weisheiten vor, die von älteren Frauen stammen und die uns in unserem jetzigen Leben immer noch begleiten, ein Beitrag zu einer größeren Studie des weiblichen Polentums, in dem caractère féminin a la polonaise sich ein bisschen retro, ein bisschen ungehobelt und ein bisschen rührend zeigen würde. Also fragte ich meine Freundinnen: Was für Weisheiten haben euch eure Mütter mit auf den Weg gegeben?
Ich hoffte auf Antworten wie „Meine Mutter hat mir beigebracht, meine Unterwäsche immer nur mit Seifenflocken zu waschen. Von Hand.“ Oder „Meine Oma schwört auf einer Gesichtsmaske aus einem alten Spinnennetz und Spucke vor jedem großen Fest.“ oder „Meine Großtante aus Łódź meinte immer, der Mann muss nur etwas hübscher sein als ein Affe“, und so weiter, verstehen Sie, eine Art „von Frau zu Frau-Wahrheiten“, ganz und gar unmodern, natürlich. Aber auf meine Frage folgte ein beklommenes Schweigen. Irgendwann räusperte sich Agata und sagte finster: „Meine Mama meinte immer, ich wäre zu dick. Meine Schwester war immer mager und durfte zum Abendessen zwei Scheiben Brot mit Butter essen, und ich nur eine, mit Diät-Margarine drauf. Und als Pausenbrot gab es immer Möhren... Bis jetzt esse ich immer noch nur die Hälfte von jeder Mahlzeit.“ Wir schauten sie mitleidig an, denn ohne Zweifel war sie wirklich schlank und hatte eine tolle Figur, nun aber wussten wir um den Preis dafür... es war unheimlich. Ach, was soll´s, ist zwar bitter, dachte ich schliesslich, hatte ihr aber gut getan. Jede von uns hätte ihre Seele dem Teufel selbst verkauft, wenn sie nur eine Figur haben könnte wie sie.
Wahrscheinlich um uns alle ein bisschen aufzuheitern, meldete sich Asia: „Meine Mama sagte mir, als ich vielleicht vierzehn war, ich müsse mir eine spezielle Bewegung erarbeiten, ein Tick, der quasi zu einem Markenzeichen von mir wird. Am hübschesten fand sie so ab und zu das Pony aus dem Gesicht streichen, mit einer leichten Kopfbewegung, das sehe adrett und gleichzeitig kokett aus, meinte sie, das werde mich aus der grauen Menschenmasse hervorheben.“ Wir lachten. „Ich musste das vor dem Spiegel üben“, fügte sie hinzu. Wir hörten auf zu lachen.
Und dann fiel auch mir etwas ein, was meine Mama einmal zu mir sagte: „Du MUSST Make-up tragen, Schätzchen, und zwar jeden Tag... dein Gesicht... also, dein Gesicht braucht Make-up, glaub mir...“, sagte meine Mutter sanft und als das erste Semester zu Ende ging, führte sie mich zu einer Visagistin. Die Visagistin war eine kleine rundliche Frau mit Glitzer auf den Augenlidern und mit wehender Robbe. Sie sah mich kurz an und verordnete sofort eine Farbanalyse. Mit deren Hilfe stufte sie mich als Typ Sommer ein. Was ich jedoch gar nicht bin, wie ich etwa zehn Jahre später von einer anderen Visagistin erfuhr. „Jeder Idiot würde doch erkennen, dass du Herbst bist“, protestierte Renata. „Ein klarer Herbstfall“, bestätigte Agnieszka. „Wie auch immer“, seufzte ich. „Seit dem Spruch meiner Mama wage ich mich ohne Make-up nicht aus dem Haus“.
Seufzen und Nicken. Eine allgemeine Beklommenheit machte sich langsam breit, denn uns fielen immer neue Grausamkeiten ein. Auf die Ratschläge von unseren Müttern folgten Sprüche von Omas, Tanten, besten Freundinnen... wobei die Bemerkungen von Omas und Tanten sich durch beispiellose Härte und beinah bäuerliche Brutalität auszeichneten. Vielleicht waren sie wegen der Kriegsjahre so erbarmungslos geworden?
Zu Lidka sagte ihre Oma zum Beispiel: „Du hast dir aber einen dicken Arsch gezüchtet. Denkst du denn gar nicht an die Jungs? Die Jungs stehen heute nicht mehr auf dicke. Zeiten ändern sich.“
Zu Renata sagte ihre Tante mal: „Kind, du redest viel zu wenig, man bemerkt dich ja gar nicht. Hast du denn wirklich nichts zu sagen oder ist das einfach deine Art?“
Es war zum Heulen. Man hatte uns einen Haufen Sachen mit auf den Weg gegeben, die uns alles andere als geholfen hatten. Gott sei dank meldete sich zum Schluss noch Kasia, diejenige, die immer so ladylike und geheimnisvoll wirkt... und das war´s endlich: eine Weisheit, ein richtig guter Satz, ein Statement, das nicht nur wegen seiner aphoristischen Prägnanz eine wahre Lebenshilfe war. Kasia sagte: „Meine Tante sagte einmal zu mir, als ich mit einem Jungen aus der Nachbarschaft Doktor spielte: Kind, merk dir gut, was ich dir jetzt sage. Man darf nie sofort den ganzen Hintern zeigen. Ein Stück schon, aber den ganzen Hintern – um Gottes willen.“
Ich würd' Dich auch zum Vorlesen einladen, wenn ich einen Buchladen hätte…
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